Geschichte

Goethe-Gesellschaften in Weimar und Hannover

Die Goethe-Gesellschaft in Weimar hat über 3000 Mitglieder in 50 Staaten der Welt. Weitaus mehr Menschen aber bilden das Netzwerk Goethe. Zu ihnen gehören die Mitglieder und Gäste in den 59 selbständigen deutschen Ortsvereinigungen und den 37 internationalen Goethe-Gesellschaften, die auf allen Kontinenten beheimatet sind. Durch Vorträge, literarisch-musikalische Veranstaltungen und eigene Publikationen tragen sie zur Kenntnis von Goethes Leben und Werk bei. Das Goethe-Jahrbuch in Weimar ist ein Spiegel dieser weltweiten Aktivitäten.

Kooperationspartner der Goethe-Gesellschaft sind all jene Institutionen, Museen und Gedenkstätten in Weimar, Frankfurt, Düsseldorf und Rom, die sich der Bewahrung und Pflege von Goethes Hinterlassenschaft widmen. In Weimar und Düsseldorf haben unsere Mitglieder freien Eintritt, überall aber sind sie als Besucher wie als Forscher herzlich willkommen. Sie sind gern gesehene Gäste bei Pädagogen und Wissenschaftlern, die mit ihnen im gleichen Geiste verbunden sind.


Die Geschichte der Goethe-Gesellschaft Hannover

Die Ortsvereinigung Hannover der Goethe-Gesellschaft in Weimar wurde am 8. Mai 1925 gegründet und besteht nun seit 90 Jahren. Obwohl Goethe auf seinen Reisen niemals bis nach Hannover gelangt war, ist ein kleiner Kreis ambitionierter Kenner und Liebhaber Goethes im vergangenen Jahrhundert eine gewisse Verpflichtung eingegangen. Als Gründungsmitglieder unserer Gesellschaft wollten sie die Erinnerung nicht nur an Goethe und sein Werk, sondern auch an Personen wachhalten, die Goethe von Hannover aus nahe gestanden haben.
Allen voran ist hier Charlotte Buff aus Wetzlar (als Werthers Lotte bekannt) zu nennen, die als Frau Kestner an der Seite ihres Mannes Johann Christian ihr ganzes Leben in Hannover verbracht hat. Von ihren 12 Kindern waren es der vierte Sohn, August, und ihr Enkel Hermann, die uns besonders verbunden sind; beide gelten als Gründer des ersten städtischen Museums in Hannover vor 125 Jahren (mit einer bemerkenswerten Antikensammlung und einer umfangreichen Daktyliothek).
Zum weiteren Goethe-Kreis gehören die Gräfinnen Egloffstein. Zunächst die Mutter Henriette, deren Schönheit und Bildung am Weimarer Hof geschätzt wurde. Vornehme Damen trafen sich bei ihr im „Musenhof“ in Misburg bei Hannover. Sie hat sich seit ihrer 2. Ehe mit Carl von Beaulieu-Marconnay im Klostergut Marienrode bei Hildesheim niedergelassen. Dann, nach 1840 und bis zu ihrem Tod, war auch ihre dritte Tochter – „Goethes glückliche Zeichnerin“ – Julie von Egloffstein dort zuhause. Goethe hat ihr mehrere Gedichte zugeeignet; eines der anspruchsvollsten, „An Julie“ gewidmet, hat den Titel „Entoptische Farben“. Es wird als Original-Handschrift Goethes im Bestand der „Sammlung Culemann“ im StadtArchiv Hannover aufbewahrt.
Nicht die Dauer der Beziehung, aber eine intensive publizistische  Auseinandersetzung, zeichnet Goethes Kontakt mit den Brüdern August Wilhelm und Friedrich Schlegel aus, den wichtigen Initiatoren der „Jenaer Früh-Romantik“, die beide in Hannover geboren sind.
Die anrührendste Künstlerbegegnung in Italien hatte Goethe wohl mit Karl-Philipp Moritz, dessen Roman „Anton Reiser“ mit autobiographischen Anspielungen ein Licht auf seine Zeit in unserer Stadt wirft. – Und Goethes für die Nachwelt bekanntester Gesprächspartner, der in alle bedeutenden Werkausgaben Aufnahme gefunden hat, ist Johann Peter Eckermann. – Moritz und Eckermann haben am hannoverschen Lyceum ihre Grundkenntnisse der lateinischen Sprache und damit den Zugang zur Göttinger Universität für weitere Studien erworben.
Dank der Autographen-Sammlung des hannoverschen Druckereibesitzers und Schulsenators Culemann, die zum Anfangsbestand des von Hermann Kestner gegründeten Museums gehört und heute vom StadtArchiv Hannover betreut wird, ist Hannover vom früheren Präsidenten der Goethe-Gesellschaft in Weimar, Prof. Dr. Andreas B. Wachsmuth, als „vierte Goethe-Stadt“ nach Frankfurt, Weimar und Düsseldorf bezeichnet worden. Hier ist das Manuskript der Marienbader Elegie zuhause.
Dies alles galt und gilt es, im Bewusstsein einer breiten Stadt-Öffentlichkeit zu bewahren, zu pflegen und zu fördern. Damit waren Aufgaben und Ziele der neu gegründeten Goethe-Gesellschaft Hannover von 1925 gefunden und sind in aktualisierter Form in unserer Satzung bis heute festgelegt.
Der 1. Vorsitzende der Goethe-Gesellschaft Hannover war der Geheimrat Dr. Hermann Schmidt, Leiter der Sophienschule, dem ersten Gymnasium für die Höheren Töchter der Stadt. Er hat in seiner Zeit großes Ansehen genossen und bis zu seinem Tod 1929 auch die Gesellschaft geleitet.
Sein Nachfolger im Vorstand für die Jahre 1929 – 1947 war der Erste Staatsanwalt, Dr. Max Döring. Dank seiner Tatkraft wurden die Vorträge auch in der Zeit der NS-Herrschaft und des Krieges durchgeführt. (Lediglich für das Jahr 1945 sind keine Veranstaltungen verzeichnet).
Das Amt übernahm nach seinem Tod der Oberlandeskirchenrat Dr. Walther Lampe, der dem Kreis der Gründungsmitglieder angehörte und die Gesellschaft von 1947 – 1964 leitete.
Ihm folgte in der Leitung Prof. Dr. Walter Henze von 1964 – 1994. Als Germanist an der Pädagogischen Hochschule Hannover war er allseits bekannt und beliebt, musste aber aus gesundheitlichen Gründen nach dreißigjährigem Ehrenamt vom Vorsitz zurücktreten, sodass in seiner Nachfolge die Gesellschaft ein Jahr lang von Prof. Dr. Klaus Gerth geführt wurde, der bereits seit 1964 als 2. Vorsitzender im Vorstand dabei war und ebenfalls einen Lehrstuhl für Germanistik an der Pädagogischen Hochschule innehatte.
Seit 1995 wird die Gesellschaft von Peter Meuer geleitet, der bis zu dieser Zeit schon Mitglied im Beirat war. Er war Buchhändler und später über dreißig Jahre lang Lehrer an einem hannoverschen Gymnasium.
Die Zahl der Mitglieder unserer Gesellschaft war zunächst klein und lag im Gründungsjahr bei 30 Personen. In den Jahren bis 1939 wuchs die Zahl auf 137 Mitgliedschaften an. Nach dem Zweiten Weltkrieg  wurde die Arbeit in der Gesellschaft 1946 wieder aufgenommen. Bildungshunger und Tatkraft in Sachen Goethe waren ungebrochen.
Eine glückliche Verbindung ergab sich hier mit der Buchhandlung Sachse &  Heinzelmann, die bereits seit 1935 gemeinsam mit der Goethe-Gesellschaft um die Durchführung von Dichterlesungen bemüht war. Die Einrichtung einer Geschäftsstelle in der Buchhandlung, deren Inhaberin als „Queen“ stadtbekannt war, wirkte sich für die weitere Entwicklung der Gesellschaft erfreulich aus. Die Mitgliederzahl stieg im Goethe-Jahr 1949 auf 640. Bis zu ihrem 40jährigen Bestehen im Jahr 1965 war die Goethe-Gesellschaft Hannover mit über 1.100 Mitgliedern die zahlenmäßig größte unter den Ortsvereinigungen der Goethe-Gesellschaft in Weimar.
Diese Zahlen ließen sich in den nachfolgenden Jahrzehnten gesellschaftlicher Umbrüche und kritischer Einstellung gegenüber dem traditionellen Literaturbetrieb in Hannover nicht halten. Auch wenn sich die Anzahl der Vorträge in den jüngst vergangenen Jahren zum Teil verdoppelt und die Gesellschaft daneben eine rege Reisetätigkeit zu Orten im In- und Ausland entwickelt hat, die einen Bezug zu Goethes Leben haben, ist die Mitgliederzahl doch kontinuierlich geschrumpft. Das bedeutet aber nicht, dass die Vorträge, die angeboten werden, schlecht besucht würden.
Da die Gesellschaft kein geschlossener Zirkel von Experten sein will und ihre Angebote nicht den Mitgliedern vorbehält, sondern der hannoverschen Öffentlichkeit allgemein zugänglich macht, kennen uns inzwischen auch viele Nicht-Mitglieder. Heute hat die Goethe-Gesellschaft Hannover 225 Mitglieder.
Eine Besonderheit der Goethe-Gesellschaft Hannover ist es, mit vielen anderen Institutionen und Personen des Kulturbetriebs unserer Stadt auf vielfältige Weise zu kooperieren. Unsere Vortragsabende finden in der Regel im Theatermuseum in Hannovers Schauspielhaus statt. Die Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek Hannover erlaubt auch Veranstaltungen anzubieten, zu der 150 Zuhörer und mehr eingeladen werden können. Regelmäßig zu Gast sind wir in den Räumen der Fritz-Behrens-Stiftung, im Logenhaus, im Konzertlokal „Kanapee“, im StadtArchiv Hannover; gelegentlich auch im Joachim-Saal der Stiftung Niedersachsen oder im Vortragssaal des Museums August Kestner.
Mit den Vortrags-Reihen „Erfahren, woher wir kommen. Grundschriften der europäischen Kultur“ – und im Anschluss daran „Große Romane der Weltliteratur“ von und mit Hanjo Kesting haben wir seit fünf Jahren in der Stadtbibliothek immer einen ausverkauften Lichthof mit besonderer Vortrags-Atmosphäre.
Zu unseren Vorträgen im Theatermuseum („...fast immer am zweiten Dienstag im Monat“) laden wir bedeutende Wissenschaftler und bekannte Referenten des In- und Auslandes zu uns ein. Albrecht Schöne – seit Jahrzehnten Mitglied unserer Gesellschaft –, Peter-André Alt, Alexander Košenina, Heinrich Detering, Wolfgang Frühwald, Rudolf Vaget, Werner Keller, Martin Rector, Dieter Borchmeyer, Jim Reed, Manfred Osten, Helmut Koopmann und Katharina Mommsen waren – wie viele andere – im Lauf der Jahrzehnte Gäste der Goethe-Gesellschaft Hannover und kommen auch heute gerne wieder.
Und ganz unaufgefordert hören wir von vielen Referenten und Gästen immer wieder, wie aufmerksam, wie neugierig, wie kundig in Diskussionen die zahlreichen Mitglieder unserer Gesellschaft sind. In der Tat, wir sind stolz auf unsere Mitglieder, denn nicht der Verein, sondern sie sind die Goethe-Gesellschaft Hannover. –
Und jeder kann noch Mitglied werden.

www.goethe-gesellschaft.de